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Auf dem kleinen Holztisch dazwischen steht eine Kerze, bedruckt mit dem Vaterunser. Doris SchĂ€fer nutzt die Sitzecke gerne fĂŒr lĂ€ngere SeelsorgegesprĂ€che mit Gefangenen. âHier kĂ¶nnen sie eine kurze Weile vergessen, dass sie sich im GefĂ€ngnis befindenâ, sagt sie und lĂ€chelt kurz. Die 58-JĂ€hrige wirkt streng, was ihre gerade geschnittenen, kinnlangen Haare und die randlose Brille noch unterstreichen. Im Gegensatz zu den Vollzugsbeamten trĂ€gt sie jedoch keine Uniform, sondern Jeans und einen krĂ€ftig dunkelroten Blazer mit passender legerer Bluse. Am GĂŒrtel trĂ€gt sie fĂŒr den Notfall ein Telefon, das ab und zu rauscht und leise piept. âDas muss ich zu meiner Sicherheit immer bei mir habenâ, erklĂ€rt Doris SchĂ€fer. âFĂŒr einen Notruf habe ich es aber noch nie gebraucht.â</para><title ezxhtml:level="2">Wo sind die Kinder?</title><para>In der JVA ist sie regelmĂ€Ăig auf den beiden Frauenstationen unterwegs, besonders am spĂ€ten Nachmittag ab 17 Uhr, wenn die Gefangenen vom Hofgang zurĂŒck sind und sich innerhalb ihres Flurs frei bewegen dĂŒrfen. Die Frauen freuen sich, Doris SchĂ€fer zu sehen. Die Seelsorgerin grĂŒĂt sie kurz und wechselt mit einigen ein paar Worte. Manche kommen von sich aus auf die Pastoralreferentin zu, um eine Frage zu stellen. MĂ¶chte eine Gefangene alleine mit ihr sprechen, muss sie einen GesprĂ€chsantrag ausfĂŒllen, mit Namen, Geburtsdatum und ihrem Anliegen. In den meisten GesprĂ€chen geht es um Beziehungen oder um die Familie. Besonders die Frauen beschĂ€ftigt, wie es ihren Kindern geht. Wenn sie inhaftiert werden, wissen sie oft nicht, was aus ihnen geworden ist. âEs kommt vor, dass manche Gefangene gleich von der StraĂe weg verhaftet wurdenâ, erklĂ€rt Doris SchĂ€fer. âDa kann es sein, dass die Kinder alleine zu Hause sind. Manchmal kommen sie auch mit der Mutter in Haft und werden ihr dann weggenommen, ohne dass die Frau weiĂ, wohin sie gebracht wurdenâ, erzĂ€hlt Doris SchĂ€fer weiter. Sie forscht dann nach, wo und ob die Kinder gut untergebracht sind, hĂ¶rt sich bei den Sozialarbeitern um und benachrichtigt die MĂŒtter.</para><para>Besonders intensiv betreut Doris SchĂ€fer Gefangene, denen sie die Nachricht vom Tod eines FamilienangehĂ¶rigen ĂŒberbringen muss. Sie versucht zunĂ€chst, mehr ĂŒber die UmstĂ€nde des Todes zu erfahren, und nimmt den HĂ€ftling anschlieĂend mit in ihr BĂŒro, wo er oder sie mit den AngehĂ¶rigen telefonieren kann. âDas beruhigtâ, sagt Doris SchĂ€fer. Auch, wenn ein Vollzugsbeamter die Nachricht ĂŒberbringt, ist immer ein Seelsorger dabei. âWenn der Tod unerwartet ist, rasten manche Gefangene ausâ, berichtet die Pastoralreferentin. âSie fĂŒhlen sich machtlos, weil sie im GefĂ€ngnis sitzen. Viele haben SchuldgefĂŒhle, dass der oder die AngehĂ¶rige sich ĂŒber sie geĂ€rgert habe und deshalb gestorben sei.â Wenn eine Gefangene nicht zur Beerdigung gehen darf oder es nicht mĂ¶chte, weil sie Handschellen tragen mĂŒsste und von Sicherheitsbeamten begleitet wĂŒrde, geht Doris SchĂ€fer mit ihr in die GefĂ€ngniskapelle, um gemeinsam eine Kerze anzuzĂŒnden und zu beten. âSo haben sie das GefĂŒhl, fĂŒr den Verstorbenen doch etwas tun zu kĂ¶nnenâ, sagt SchĂ€fer, und ihre angeraute Stimme klingt fĂŒr einen Moment weich.</para><title ezxhtml:level="2">Ăber die Tat wollen die meisten nicht sprechen</title><para>Ăber ihre Tat mĂ¶chten nur wenige Gefangene mit der Seelsorgerin sprechen. Etwa die HĂ€lfte der Frauen ist wegen Betrugs oder Diebstahl verurteilt. Meist handelt es sich um BeschaffungskriminalitĂ€t fĂŒr Drogen. âMir geht es in den GesprĂ€chen um den Menschen. Ich versuche, zu verstehen, was ihn ausmacht und welche Fragen er hatâ, erklĂ€rt Doris SchĂ€fer. âIch versuche dann, damit umzugehen. Manchmal muss ich jemanden trĂ¶sten. WĂ€hrend des GesprĂ€chs merke ich aber oft schon am Verhalten der Person, was ihr Problem ist, das wahrscheinlich auch zur Tat gefĂŒhrt hat.â Manche wollen beispielsweise anderen ihren Willen aufdrĂ€ngen. Das erlebt die Pastoralreferentin vor allem bei mĂ€nnlichen HĂ€ftlingen. âDie setzen sich hier erst einmal breitbeinig hin und wollen mir die Welt erklĂ€renâ, sagt sie. Beim Sprechen ahmt sie die Pose nach: Sie flĂ€zt sich in den Sessel, legt einen Arm locker auf die Armlehne und schaut ihr GegenĂŒber herausfordernd an. Ăber dieses Verhalten lĂ€chelt Doris SchĂ€fer nur kopfschĂŒttelnd und setzt sich wieder aufrecht hin.</para><para>Bei DrogenabhĂ€ngigen beobachtet sie hĂ€ufig, dass diese gewohnt sind, ihre eigenen BedĂŒrfnisse sehr wichtig zu nehmen. âSie nehmen, was sie bekommen kĂ¶nnen. Das haben sie verinnerlichtâ, sagt Doris SchĂ€fer. Eine Gefangene bittet sie beispielsweise sehr hĂ€ufig um Geburtstagskarten. âIch habe immer solche Karten vorrĂ€tigâ, erklĂ€rt die Seelsorgerin. Die Gefangene kĂ¶nnte die Karten auch von ihrem Arbeitslohn kaufen, aber bei Doris SchĂ€fer bekommt sie sie umsonst. âIch versuche, ihr ihr Verhalten zu spiegeln. Ich sage dann: Wie, brauchen Sie schon wieder Karten? Wenn ich nur mit Ihnen zu tun hĂ€tte, wĂŒrde ich bald arm werden!â Ihrer Erfahrung nach spĂŒren die Gefangenen irgendwann selbst, dass Doris SchĂ€fer merkt, wenn sie ausgenutzt wird. Dann mĂ¶chten sie mit ihr darĂŒber sprechen.</para><para>Die Gefangene mit den Geburtstagskarten ist aber bisher nicht auf SchĂ€fers Anmerkungen eingegangen. âIch denke, sie ist noch nicht so weit, dass sie ihr Verhalten Ă€ndern mĂ¶chteâ, sagt sie nachdenklich. âManche sind erst bei der zweiten Inhaftierung so weit. Andere drehen sich ihr ganzes Leben lang im Kreis, wie meine evangelische Kollegin neulich sagte. Da muss man Geduld haben und versuchen, den Kreis zu durchbrechen.â</para><title ezxhtml:level="2">"Ich gehe dahin, um Frieden zu finden"</title><para>Andere Gefangene haben Lebensmittel oder Kleidung gestohlen, die sie sich von ihrem monatlichen Einkommen nicht leisten kĂ¶nnen. Von den Ă€lteren Gefangenen sitzen manche eine Strafe ab, weil sie Sozialbetrug verĂŒbt haben, indem sie jemanden unangemeldet bei sich zur Untermiete wohnen lieĂen. Da sie Geldstrafen nicht bezahlen konnten, sind sie nun im GefĂ€ngnis. âIch bin gerne mit den Ărmeren in unserer Gesellschaft zusammen, schon seit vielen Jahrenâ, sagt Doris SchĂ€fer. âIch lerne von ihnen, dass Leid, Krankheit und Tod zum Leben dazugehĂ¶ren. Das wird in unserer Gesellschaft gerne mal ausgeklammert.â An ihrer Arbeit in der JVA mag Doris SchĂ€fer deshalb, dass sie nah an die Menschen herankommt und so erfĂ€hrt, was den Einzelnen ausmacht. âDrauĂen kann man sich ablenken, wenn es einem schlecht geht. Das ist hier im GefĂ€ngnis schwieriger.â</para><para>Das spĂŒrt SchĂ€fer auch in dem GesprĂ€chskreis, den sie alle zwei Wochen fĂŒr die gefangenen Frauen anbietet. Dabei geht es zum einen um religiĂ¶se Fragen, aber auch um Themen, die die Frauen gerade beschĂ€ftigen. Offen sprechen die Frauen darĂŒber, wie es ihnen gerade geht. âHier versteckt man sich oft, wenn es einem nicht gutgeht. Aber manchmal schafft man es nichtâ, sagt eine der Frauen. Sie erzĂ€hlt, dass eine Mitgefangene ein Wort zu ihr sagte, mit dem sie als Kind schon beschimpft worden war. âDa kam alles von frĂŒher wieder hochâ, sagt sie. âUnd dann das Eingesperrtsein âŠ das ging mir an dem Tag an die Substanz.â Doris SchĂ€fer hĂ¶rt aufmerksam zu. Eine andere Gefangene berichtet, dass sie versucht, sich aus Streitereien herauszuhalten. âIch will nur noch meine Ruhe, wenn ich am Abend in meiner Zelle binâ, sagt sie. âIch war nun oft genug im GefĂ€ngnis. Das hier soll meine letzte Haft werden. Ich will umkehren.â Doris SchĂ€fer nickt zustimmend. Als sie die Frauen von der Kapelle quer durch das GefĂ€ngnis zurĂŒck zu ihren Abteilungen bringt, wirken sie in sich gekehrt. WĂ€hrend sie sich auf dem Hinweg angeregt unterhalten und gelacht haben, hĂ€ngt nun fast jede ihren Gedanken nach. âIch finde es gut, dass es diesen GesprĂ€chskreis gibtâ, erzĂ€hlt eine Gefangene unterwegs. âIch gehe dahin, um Frieden zu finden.â Wenig spĂ€ter werden die Zellen fĂŒr die Nacht geschlossen.</para><title ezxhtml:level="2">Die Themen im GefĂ€ngnis lassen</title><para>Bevor Doris SchĂ€fer nach Hause geht, sortiert sie in ihrem BĂŒro noch einmal die Geschehnisse des Tages. âFĂŒr mich ist wichtig, dass ich am Abend keine offenen Fragen habe oder, dass ich zumindest fĂŒr mich weiĂ, wie es mit einem Problem weitergehtâ, sagt SchĂ€fer. âWenn ich das geschafft habe, kann ich die Themen hier im GefĂ€ngnis lassen.â Manche Erlebnisse lassen die Seelsorgerin aber auch dann nicht los. Vor einigen Monaten wurde sie kurz vor Feierabend von einem Kollegen aus der psychiatrischen Abteilung der JVA um Hilfe gebeten. In seine Abteilung war eine neue Gefangene gekommen, die unter Verdacht stand, ihr jĂŒngeres Kind getĂ¶tet zu haben. âDie Frau war vĂ¶llig verzweifelt. Sie war fest davon ĂŒberzeugt, dass sie es nicht war. Und sie hatte Angst, dass sie ihr Ă€lteres Kind nie wiedersehen wĂŒrde.â Doris SchĂ€fer erklĂ€rte ihr, dass man ihr das Kind nur dann fĂŒr immer wegnehmen wĂŒrde, wenn sie gefĂ€hrlich fĂŒr das Ă€ltere Kind sei. Durch ihre Anwesenheit beruhigte sich die Frau. âWie es mit ihr weitergegangen ist, weiĂ ich leider nicht. Sie ist in ein anderes GefĂ€ngnis verlegt wordenâ, sagt SchĂ€fer. Nach solchen Begegnungen sucht sich Doris SchĂ€fer eine Kollegin oder einen Kollegen im Haus, mit dem sie darĂŒber sprechen kann. Oder sie ruft âdrauĂenâ jemanden an und verabredet sich. âManchmal ist auch das Gebet eine Hilfe, sodass ich versuche, den Fall am Abend Gott zu ĂŒbergeben.â Doris SchĂ€fer hĂ€lt einen Augenblick inne. Dann atmet sie tief ein und nimmt ihre gewohnte aufrechte Haltung ein.</para><para>An diesem Tag sind alle Fragen von Gefangenen geklĂ€rt. Auf dem Weg nach drauĂen nimmt sie ihr Notruftelefon vom GĂŒrtel und stellt es in einem speziellen Raum in eine Ladestation. Sie verabschiedet sich kurz von der Torwache, dann geht die TĂŒr auf und schlieĂt sich hinter Doris SchĂ€fer mit leisem Surren bis zum nĂ€chsten Tag.</para></section>
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<section xmlns="http://docbook.org/ns/docbook" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xmlns:ezxhtml="http://ibexa.co/xmlns/dxp/docbook/xhtml" xmlns:ezcustom="http://ibexa.co/xmlns/dxp/docbook/custom" version="5.0-variant ezpublish-1.0"><title ezxhtml:level="3">Ausbildung zum/zur Gefangenenseelsorger/in</title><para><literallayout class="normal">In Deutschland und Ăsterreich mĂŒssen Gefangenenseelsorger/innen zunĂ€chst ein Studium der Theologie oder der ReligionspĂ€dagogik und anschlieĂend eine Ausbildung zum Pastoral- oder Gemeindereferenten absolvieren. ErgĂ€nzend dazu nehmen Gefangenenseelsorger/innen in Deutschland an einer Weiterbildung der Katholischen GefĂ€ngnisseelsorge Deutschland e.V. teil. Darin geht es beispielsweise um rechtliche Rahmenbedingungen und um FĂ€higkeiten und Anforderungen auf sozialer, pastoraler, theologischer und spiritueller Ebene. Zur Weiterbildung gehĂ¶rt auch, eine/n erfahrene/n GefĂ€ngnisseelsorger/in eine Zeit lang zu begleiten. In Ăsterreich begleiten angehende Gefangenenseelsorger/innen ebenfalls zunĂ€chst einen erfahrenen Kollegen oder eine Kollegin. ErgĂ€nzend dazu gibt es einen Ă¶kumenischen EinfĂŒhrungskurs und jĂ€hrliche Fortbildungen.
Quelle: DBK und kathpress.at</literallayout></para></section>
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