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<emphasis role="strong">Wie kann es so weit kommen, dass Jugendliche von zu Hause weglaufen und lieber auf der StraĂźe leben?</emphasis>
Es kann schon mal vorkommen, dass Jugendliche im Affekt bei einem Streit sagen: â€žDann lebe ich halt woanders!â€ś Aber das dann wirklich durchzuziehen, ist schon ein harter Schritt, der nicht von heute auf morgen passiert. Meistens hat das eine Vorgeschichte. Da ist die Familiensituation dann schon lĂ¤nger schwierig.</literallayout></para><para>Es gibt zwei Extreme, die das Aufwachsen fĂĽr Kinder und Jugendliche besonders schwierig machen. Zum einen kann es sein, dass die Eltern zu streng sind: Wenn Kindern kaum FreirĂ¤ume gegeben werden, gibt das gerade in der PubertĂ¤t oft Probleme, weil die Jugendlichen selbststĂ¤ndiger werden wollen, aber eigentlich keine HandlungsmĂ¶glichkeiten haben. Dann ist der Fluchtimpuls sehr stark. Alle Eltern haben den Wunsch, nur das Beste fĂĽr ihr Kind zu machen, aber das geht manchmal nach hinten los, wenn die Eltern zu streng sind und glauben, immer genau zu wissen, was die Kinder tun sollen.</para><para>Das andere Extrem ist es, wenn Eltern sehr mit eigenen Problemen beschĂ¤ftigt sind. Wenn sie zum Beispiel mit finanziellen Problemen, psychischen Erkrankungen oder SĂĽchten zu kĂ¤mpfen haben, kann das dazu fĂĽhren, dass sie ihre Kinder vernachlĂ¤ssigen und sie nicht so begleiten, wie sie es brauchen â€“ gerade in der PubertĂ¤t.Â </para><para>Da kommt es dann manchmal vor, dass Kinder und Jugendliche sich Freunde suchen, bei denen sie sich wohler fĂĽhlen als bei den Eltern. Auf der Suche nach einem neuen, besseren Zuhause wandern sie dann vielleicht von einer Couch auf die andere, probieren Drogen aus oder landen in Kreisen, die nicht so fĂ¶rderlich sind fĂĽr ihre Zukunft.</para><para><literallayout class="normal"><emphasis role="strong">Was kĂ¶nnen Eltern prĂ¤ventiv tun, um eine solche Situation zu vermeiden?</emphasis>
Die beste PrĂ¤vention, die es ĂĽberhaupt gibt, ist eine starke Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Ein solches Band knĂĽpft man aber nicht erst in der PubertĂ¤t. Das fĂ¤ngt schon bei kleinen Kindern an. Am wichtigsten ist es, das Kind mit seinen BedĂĽrfnissen zu sehen, auf es einzugehen und an seiner Lebenswelt teilzuhaben. Nicht zu viel natĂĽrlich, denn das Kind will ja auch PrivatsphĂ¤re haben, aber grundsĂ¤tzlich sollten Kinder und Jugendliche das GefĂĽhl haben, Mama und Papa interessieren sich dafĂĽr, wer ich bin, welche WĂĽnsche ich habe und was mich interessiert. ZuhĂ¶ren und als Erwachsener auch mal die Perspektive des Kindes einnehmen ist dabei ganz wichtig.</literallayout></para><para>Wenn Eltern ihre Kinder so begleiten, dann entsteht eine starke Beziehung zwischen ihnen. Das heiĂźt nicht, dass es dann keine Konflikte mehr gibt. Manchmal haben Kinder und Jugendliche das BedĂĽrfnis, etwas selbst ausprobieren zu wollen oder etwas anders zu machen als die Eltern. Ganz oft geht es darum, das auszuhalten und bei Konflikten nach gemeinsamen LĂ¶sungen zu suchen. So macht das Kind die Erfahrung: Diese Beziehung ist stark, hĂ¤lt viel aus und man muss bei Konflikten nicht weglaufen.Â </para><para>NatĂĽrlich entwickeln Jugendliche das BedĂĽrfnis, sich ein eigenes Leben aufzubauen, das ist wichtig und gesund. Und es ist gut, wenn sie irgendwann von zu Hause ausziehen und sich von den Eltern lĂ¶sen. Aber es muss zum richtigen Zeitpunkt sein, so dass sie gestĂ¤rkt sind durch die Beziehung zu den Eltern, und dann die eigenen Wege gehen kĂ¶nnen.</para><para><literallayout class="normal"><emphasis role="strong">Wie kĂ¶nnen Eltern reagieren, wenn ihr jugendliches Kind im Streit damit droht, von zu Hause wegzulaufen?</emphasis>
Wenn das im Affekt passiert, ist es wichtig, ruhig zu bleiben und nicht zu sagen: â€žDann geh doch!â€ś Auch wenn man als Elternteil selbst gerade wĂĽtend ist. Das Kind provoziert so eine Reaktion vielleicht in dem Moment, hat aber sicher auch Angst, tatsĂ¤chlich zu hĂ¶ren, dass es zu Hause unerwĂĽnscht ist. Deswegen ist es ganz wichtig, sich da zurĂĽckzuhalten.Â </literallayout></para><para>Vielleicht kann man im Moment des Streits lieber sagen: â€žDarĂĽber reden wir spĂ¤ter.â€ś Und dann zu einem anderen Zeitpunkt in Ruhe darĂĽber sprechen, was es fĂĽr das Kind tatsĂ¤chlich im Alltag bedeuten wĂĽrde, wenn es von zu Hause weggeht.Â </para><para>Oft merken dann beide Seiten, dass der oder die Jugendliche gar nicht wirklich von zu Hause weg will. So eine Drohung ist oft nur ein Hilfeschrei. Die Jugendlichen wollen nicht wirklich weg. Sie wollen eigentlich, dass sich zu Hause etwas Ă¤ndert. Meistens gibt es ja etwas, ĂĽber das hĂ¤ufig gestritten wird. Das kann dann die Chance sein, sich dieses Problem genau anzuschauen und eine gemeinsame LĂ¶sung zu finden.</para><para><literallayout class="normal"><emphasis role="strong">Wann ist es ratsam, sich professionelle Hilfe zu holen?</emphasis>
Wenn Eltern merken, dass sie den Draht zu ihrem Kind verloren haben. Wenn sie das GefĂĽhl haben, der oder die Jugendliche ist in einer eigenen Welt, ist von der Stimmung stark verĂ¤ndert, zieht sich mehr zurĂĽck, ist aggressiver oder trauriger als sonst oder hat fragliche soziale Kontakte. Dann ist es gut, das anzusprechen und dem Kind zu sagen: â€žWir machen uns Sorgen.â€ś Und es auch zu fragen, ob es sich vorstellen kann, mit jemand anderem darĂĽber zu sprechen.</literallayout></para><para>Das Problem an professioneller Hilfe ist oft, dass Kinder und Jugendliche die MĂ¶glichkeit einer Therapie nicht annehmen wollen oder dass Eltern sich scheuen, um Hilfe zu bitten. Aber es gibt sowohl fĂĽr Eltern als auch fĂĽr Kinder und Jugendliche Beratungsstellen, bei denen man ganz unverbindlich anrufen und die Situation schildern kann.</para><para><literallayout class="normal"><emphasis role="strong">Das eigene Kind vor die TĂĽr zu setzen ist ein harter Schritt, selbst wenn es bereits volljĂ¤hrig ist. In welchen Situationen kann es trotzdem ratsam sein, dass Eltern auch rĂ¤umlich auf Abstand gehen?</emphasis>
Eine rĂ¤umliche Trennung braucht es, wenn es keinen Weg mehr aus dem Konflikt gibt, wenn sich das Ganze immer weiter aufschaukelt und destruktiv wird â€“ ganz besonders, wenn Gewalt im Spiel ist und es zu Situationen kommt, in denen man als Elternteil selbst Angst hat. Dann sollte man nicht zu lange am Zusammenleben festhalten.</literallayout></para><para>Vielleicht gibt es die MĂ¶glichkeit, das Kind fĂĽr eine Weile bei Verwandten oder anderen Erwachsenen unterzubringen, denen man vertraut. So eine vorĂĽbergehende rĂ¤umliche Trennung kann Erleichterung verschaffen und eine aufgeladene Situation beruhigen. MĂ¶glicherweise verbessert sich die Beziehung durch die Distanz wieder.</para><para><literallayout class="normal">Vielleicht ist es aber auch so weit, dass das Kind selbststĂ¤ndig werden muss und komplett ausziehtÂ 
â€“ gerade wenn es schon volljĂ¤hrig ist. Dann sollte man ĂĽberlegen, welche finanzielle UnterstĂĽtzung es braucht und was es selbst leisten kann und muss. Â Und man sollte genau hinschauen, ob es eventuell Probleme gibt, bei denen professionelle Hilfe nĂ¶tig ist, damit das Kind den eigenen Weg gehen kann â€“ etwa bei Sucht oder Schulden.</literallayout></para></section>
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<section xmlns="http://docbook.org/ns/docbook" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xmlns:ezxhtml="http://ibexa.co/xmlns/dxp/docbook/xhtml" xmlns:ezcustom="http://ibexa.co/xmlns/dxp/docbook/custom" version="5.0-variant ezpublish-1.0"><para>Barbara Binder hat eine Praxis fĂĽr Psychotherapie in Wien. AuĂźerdem berĂ¤t sie <link xlink:href="https://elternseite.at/de/home" xlink:show="new" xlink:title="">bei â€žRat auf Drahtâ€ś Eltern zu Erziehungsfragen</link>. Die Initiative wurde 1987 als Hilfetelefon fĂĽr Kinder und Jugendliche in Ă–sterreich gegrĂĽndet und bietet seit 2020 auch Beratung fĂĽr Eltern. Weitere Informationen finden Sie auf der <link xlink:href="https://www.binder-psychotherapie.at/" xlink:show="new" xlink:title="">Webseite von Barbara Binder</link>.</para></section>
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