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ZunĂ¤chst einmal sind Geschwisterbeziehungen sehr oft die lĂ¤ngsten Beziehungen, die wir im Leben haben. In der Kindheit sind Geschwister meist diejenigen, mit denen wir am meisten Zeit verbringen â€“ oft deutlich mehr Zeit als mit den Eltern. Das Ă¤ndert sich natĂĽrlich im jungen Erwachsenenalter. Dann sind insbesondere Partnerschaften stĂ¤rker im Vordergrund. Die zweite Besonderheit ist, dass Geschwisterbeziehungen im Gegensatz etwa zu Partnerbeziehungen unkĂĽndbar sind. Die Gestaltbarkeit der Beziehung Ă¤ndert sich aber. Als Kind habe ich nicht die MĂ¶glichkeit, zu sagen: â€žIch mag meinen Bruder jetzt nicht mehr. Ich mĂ¶chte ihn ein Jahr lang nicht sehen.â€ś Als Erwachsener kann ich hier mehr mitgestalten.</literallayout></para><para><literallayout class="normal"><emphasis role="strong">Verbringen wir auch im hĂ¶heren Alter eher wenig Zeit mit unseren Geschwistern?</emphasis>
Interessanterweise findet gerade im hohen und hĂ¶chsten Alter oft wieder eine AnnĂ¤herung der Geschwister statt. Es gibt durchaus FĂ¤lle, in denen zum Beispiel zwei Schwestern schon verwitwet sind und zusammenziehenÂ â€“ aus pragmatischen, aber durchaus auch aus emotionalen GrĂĽnden. Oft kann die gemeinsame Geschichte als etwas Verbindendes im hohen Alter noch einmal zusĂ¤tzlich zu einer AnnĂ¤herung der Geschwister beitragen. Das sind aber natĂĽrlich alles nur Wahrscheinlichkeiten und Durchschnittsergebnisse. Es gibt immer FĂ¤lle, wo es ganz anders aussieht.</literallayout></para><para><literallayout class="normal"><emphasis role="strong">Was trĂ¤gt die Erziehung zu unserer Geschwisterbeziehung als Erwachsene bei?</emphasis>
Unsere Erziehung zieht sich in vielen FĂ¤llen tatsĂ¤chlich bis ins Erwachsenenalter durch. Die meisten Eltern etwa verfolgen das Ziel, alle Kinder gleich fair zu behandeln. Eine exakte Gleichbehandlung ist natĂĽrlich zu einem gewissen Grad eine Illusion, besonders weil sich die Kinder unterscheiden und durchaus Unterschiede in den Beziehungen zu jedem Einzelnen da sind. Kinder haben ein sehr feines Sensorium. Das GefĂĽhl, mein Geschwisterkind sei eigentlich das Lieblingskind meines Vaters oder meiner Mutter, kann Kinder enorm belasten â€“ teils bis ins Erwachsenenalter. Bestimmte Rollen werden oft mitgenommen.</literallayout></para><para><literallayout class="normal"><emphasis role="strong">PrĂ¤gt uns das VerhĂ¤ltnis zu unseren Geschwistern auch in unserer Rolle als Eltern?</emphasis>
Wenn ich der Ă¤lteste Bruder von fĂĽnf Geschwistern war und dann selbst fĂĽnf Kinder habe, wird es mir wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grad leichter fallen, die Rolle des Erstgeborenen nachzufĂĽhlen. NatĂĽrlich sollte man aber auch versuchen, die anderen Rollen mĂ¶glichst empathisch nachzuvollziehen. Zu einem gewissen Grad haben wir alle unser PĂ¤ckchen, unseren Rucksack, den wir mitnehmen. Aber den kann und sollte man natĂĽrlich versuchen, immer wieder auszulĂĽften und vielleicht neu zu packen.</literallayout></para><para><literallayout class="normal"><emphasis role="strong">Wie schafft man das?</emphasis>
Es kann hilfreich sein, im Rahmen eines GesprĂ¤chs mit der Partnerin oder dem Partner genau diese Rollen zu reflektieren. Also etwa: â€žMich als Ă¤ltestes Geschwister hat das immer unheimlich belastet. Wie kĂ¶nnen wir es schaffen, das bei unseren eigenen Kindern zu vermeiden?â€ś</literallayout></para><para><literallayout class="normal"><emphasis role="strong">Was verbindet uns mit unseren erwachsenen Geschwistern?</emphasis>
ErklĂ¤rbar ist diese Verbindung im Wesentlichen durch die groĂźteils gemeinsame Sozialisation: meist nahezu in der gleichen Umwelt aufgewachsen, mit ganz Ă¤hnlichen Problemen, Moden, MusikprĂ¤ferenzen und Ă„hnlichem. Und natĂĽrlich ist auch die gemeinsame Familiengeschichte nicht zu unterschĂ¤tzen.</literallayout></para><para><literallayout class="normal"><emphasis role="strong">Auch Konflikte sind typisch fĂĽr das VerhĂ¤ltnis von Geschwistern. Tragen wir als Erwachsene immer noch die Konflikte unserer Kindheit aus?</emphasis>
Es gibt traurigerweise diese FĂ¤lle. Aber Gott sei Dank kĂ¶nnen Geschwister ihre Konflikte aus der Kindheit meist irgendwann mehr oder weniger gut lĂ¶sen. Zumindest so weit, dass sie die Beziehung nicht mehr belasten.</literallayout></para><para><literallayout class="normal"><emphasis role="strong">Wo treten besonders hĂ¤ufig Konflikte zutage?</emphasis>
Probleme ergeben sich typischerweise, wenn Geschwister dominieren wollen. In aller Regel sind das die Ă¤lteren Geschwister, die eine Art Ersatzelternrolle einnehmen, die manchmal von ihnen auch erwartet oder eingefordert wird. Wenn dieses hierarchische GefĂ¤lle auch ins Erwachsenenalter mitgenommen wird, kann es zu Konflikten kommen<emphasis role="strong">.</emphasis></literallayout></para><para><literallayout class="normal"><emphasis role="strong">Nicht selten finden Geschwister bei SchicksalsschlĂ¤gen wieder zusammen. Woran liegt das?</emphasis>
Verwandtschaft ist etwas sehr Basales. Gerade in existenziellen Notsituationen oder bei SchicksalsschlĂ¤gen lĂ¤sst uns das doch wieder zusammenrĂĽcken und ĂĽber oberflĂ¤chliche Konflikte hinwegsehen. Typischerweise findet im Erwachsenenalter sehr oft eine AnnĂ¤herung statt, wenn die Eltern pflegebedĂĽrftig werden oder sterben â€“ aus ganz pragmatischen GrĂĽnden: Man muss BehĂ¶rdentermine abstimmen, besprechen, wer sich worum kĂĽmmert, also wieder mehr Kontakt mit den Geschwistern aufnehmen. Aber durch die gemeinsame Familiengeschichte nĂ¤hert man sich einander in diesem Kontext oft durchaus auch emotional wieder an.</literallayout></para><para><literallayout class="normal"><emphasis role="strong">Wenn wir das VerhĂ¤ltnis zu unserer Schwester oder unserem Bruder wieder verbessern wollen, wie kann das jenseits von besonderen Ereignissen gelingen?</emphasis>
Man muss vorsichtig sein mit Patentrezepten und sich den Einzelfall anschauen: Was ist der Grund dafĂĽr, dass meine Schwester oder mein Bruder vielleicht weniger Interesse an Kontakten hat? Ein guter Ansatz wĂ¤re grundsĂ¤tzlich Empathie. Vielleicht haben die Eltern mein Geschwisterkind irgendwie benachteiligt, zumindest aus dessen Perspektive. GrundsĂ¤tzlich sollte man in der Familienpsychologie immer bedenken, dass die Sichtweisen, die Wahrnehmung, das Erleben der einzelnen handelnden Familienmitglieder ganz unterschiedlich sein kĂ¶nnen. Vielleicht war da irgendeine massive KrĂ¤nkung aus Sicht meiner Schwester oder meines Bruders.</literallayout></para><para><literallayout class="normal"><emphasis role="strong">Wie kann ich damit umgehen, wenn ich glaube, einen solchen Grund gefunden zu haben?</emphasis>
Man kĂ¶nnte das einmal thematisieren und gegebenenfalls einfach einmal nachfragen: â€žWarum hebst du nie ab, wenn ich dich anrufe? Was ist eigentlich der Grund?â€ś Wenn sich herausstellt, dass etwa einseitig irgendeine Verstimmung stattgefunden hat, sollte man das Ăśbel bei der Wurzel packen. Wie in fast allen menschlichen Beziehungen steht und fĂ¤llt das mit der Kommunikation. Dinge zu besprechen, hilft in den allermeisten FĂ¤llen.</literallayout></para></section>
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