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Unterrichtet wird er an der Akademie der Freien BĂĽhne MĂĽnchen, einem inklusiven Theater fĂĽr Menschen mit und ohne Behinderung.</para><para>Vor zwei Monaten hat sich Luis Goodwins Zimmer in einen Probenraum verwandelt. Es ist zur BĂĽhne geworden, wegen Corona. Als sich abzeichnete, irgendwann im MĂ¤rz, dass vieles anders werden wĂĽrde, hat sich auch die Freie BĂĽhne MĂĽnchen darauf eingestellt. Trotz allem wollte das Ensemble auch in diesem verrĂĽckten, in diesem besonderen Jahr ein StĂĽck auffĂĽhren â€“ trotz allem oder jetzt erst recht. Aktuelle BezĂĽge sollte es haben und gesellschaftlich relevant sein. Die Wahl fiel auf â€žDie NashĂ¶rnerâ€ś von EugĂ¨ne Ionesco. Absurdes Theater also. Luis Goodwin spielt in dem StĂĽck die Hauptrolle. Und so, wie sich die Menschen statt im BĂĽro oder im CafĂ© via Zoom getroffen haben, hat auch die Freie BĂĽhne MĂĽnchen ihre Proben ins Digitale verlegt. Luis Goodwin zeigt zum Schreibtisch. Da steht, was er dafĂĽr braucht: Computer und Bildschirm, Webkamera, Lautsprecher, Mikrofon und eine Software fĂĽr Videokonferenzen. Und die schwarze Wand, die fĂĽr einen neutralen Hintergrund sorgt und allen Ensemblemitgliedern einen klar umrissenen Rahmen bietet.</para><title ezxhtml:level="2">Geprobt wird digital, jeder fĂĽr sich und doch alle zusammen</title><para>Seit Juni proben sie so, die neun Schauspielerinnen und Schauspieler und der Regisseur, jeder allein vor seinem Computer und der schwarzen Wand, und doch irgendwie zusammen. Immer von montags bis freitags zwischen zehn und 17 Uhr. Theater im digitalen Raum statt auf der BĂĽhne â€“ cool, dass das mĂ¶glich sei, sagt Luis Goodwin. â€žAber ich spiele nur mit Bildern. Mir fehlen die anderen Menschen.â€ś</para><para>Die anderen, die ploppen jetzt nach und nach auf seinem Bildschirm auf. Es ist kurz vor zehn, gleich beginnt die Probe. Luis Goodwin setzt sich an seinen Schreibtisch, neben sich ein Glas Wasser, Smartphone, Textbuch und ein Notizheft. Er schaltet Kamera, Lautsprecher und Mikro ein. â€žMorning, morningâ€ś â€“ â€žHalloâ€śÂ â€“ â€žMorgen euch allenâ€ś â€“ â€žIch hatte zwei Brote zum FrĂĽhstĂĽck, eins davon mit Parmaschinkenâ€ś â€“ â€žIch hatte zwei Spiegeleier mit Ă–l und Salzâ€ś â€“ â€žIch mag Baconâ€ś tĂ¶nen elf Kacheln durcheinander, ineinander. Es knarzt und knackt und rauscht. â€žGuten Morgen, ihr Liebenâ€ś, sagt Regisseur Jan Meyer. Luis Goodwin schaut auf den Zeitplan. Bis halb elf steht â€žZusammenkommenâ€ś auf dem Programm, den Rest des Vormittags der erste Akt der â€žNashĂ¶rnerâ€ś. In dem StĂĽck verwandelt sich eine franzĂ¶sische Provinzstadt nach und nach in eine Herde von NashĂ¶rnern. Man kann den Text des Dramatikers EugĂ¨ne Ionesco als Kritik an totalitĂ¤ren Regimen und dem Verhalten eines Volkes lesen, das widerstandslos folgt und sich â€žverwandelnâ€ś lĂ¤sst. Als Kritik an Massenbewegungen, egal welcher Couleur.</para><para>Nur einer bleibt in â€žDie NashĂ¶rnerâ€ś am Ende Mensch: Monsieur BĂ©renger, die Hauptrolle, die Luis Goodwin spielt. Was gefĂ¤llt ihm an der Figur? Dass BĂ©renger gerne mal was trinkt, auf Partys geht und viel unterwegs ist. â€žDas mache ich auchâ€ś, sagt Luis Goodwin. Gut finde er den Schluss. â€žBĂ©renger bleibt seiner Menschlichkeit treu. Ich hĂ¤tte es auch so gemacht.â€ś Wobei NashĂ¶rner auch Vorteile haben. â€žDie sind gut gepanzert, und wenn sich ein Mensch so verwandelt, ist er auch gepanzert.â€ś NashĂ¶rner sind cool.</para><title ezxhtml:level="2">"Ich mag es, Menschen glĂĽcklich zu machen"</title><para>Heute bei der Vormittagsprobe geht es um die Stelle, an der die Tiere zum ersten Mal in der Stadt auftauchen. â€žOh, ein Nashorn!â€ś â€“ â€žWas ist denn das?â€ś â€“ â€žNashĂ¶rner aus der Gegenrichtung â€¦â€ś Die Einwohner wundern sich, erschrecken, werden panisch, eine Kellnerin lĂ¤sst ein Tablett mit GlĂ¤sern fallen. AuĂźer BĂ©renger, der bleibt als Einziger gelassen. Auch Luis Goodwin sitzt ruhig da, nur die FĂĽĂźe wippen. An ein, zwei Stellen muss er sich vorbeugen, kommt mit dem Gesicht ganz nah an die Kamera heran: â€žNa sooowas â€“ ein Naaashorn!â€ś Er lĂ¤chelt. Schon in der ersten Klasse wusste er, dass er Schauspieler werden wollte. â€žIch liebe es, auf der BĂĽhne zu stehen, hatte nie Angst davorâ€ś, sagt er. â€žDas mĂ¶chte ich mein Leben lang machen. Ich mag es, Menschen glĂĽcklich zu machen.â€ś</para><para>Die Szene aus dem ersten Akt wird einmal geprobt, ein zweites Mal und noch einmal. â€žHĂ¶rt bitte zu, wenn ich was sageâ€ś, sagt Regisseur Jan Meyer. Bei einem der Schauspieler wollen sich die WĂ¶rter in einem Satz nicht so aneinanderreihen, wie es das Textbuch vorsieht. Beim vierten Anlauf klapptâ€™s. Ein anderer quatscht gerne mal rein. â€žBleib konzentriert, dann lĂ¤uft der Ladenâ€ś, sagt Jan Meyer. Nicht immer ist klar, wie man stehen oder sitzen soll, ob man nach rechts schauen soll oder nach links, mal steht die Wand nicht an der richtigen Position. â€žOhne FleiĂź kein Preisâ€ś, sagt Jan Meyer. â€žIn echt proben ist leichterâ€ś, sagt Luis Goodwin. â€žIch bin froh, wenn ich wieder auf einer BĂĽhne stehen kann.â€ś In der nĂ¤chsten Szene hat er als Monsieur BĂ©renger einen Monolog. Wenn er hĂ¤ngt, soll er â€žTextâ€ś sagen, dann gibt ihm der Regisseur ein Stichwort. Luis Goodwin muss ein paar Mal â€žTextâ€ś sagen. Wach bleiben, mahnt Jan Meyer. Luis Goodwins Kopf sinkt Richtung Tischplatte. â€žSchâ€¦!â€ś Als es besser lĂ¤uft, ruft ein Kollege: â€žLuis, super!â€ś, und klatscht und lacht in die Kamera.</para><title ezxhtml:level="2">Eine kleine TextĂ¤nderungÂ â€“ damit blinde Menschen sich nicht benachteiligt fĂĽhlen</title><para>Vor der Mittagspause ist RĂĽckmelderunde zur ersten Probeneinheit, das Team bespricht, was sie besser machen kĂ¶nnten. Zum Beispiel bei dem Satz â€žWas ist denn da losâ€ś das â€ždaâ€ś zu betonen statt das â€žlosâ€ś. An einer Stelle wird Text entschlackt â€“ kurze SĂ¤tze sind am besten. Und statt â€žIch bin doch nicht blindâ€ś soll einer der Schauspieler â€žIch hab doch keine Scheuklappen auf den Augenâ€ś sagen. Damit blinde Menschen sich nicht benachteiligt fĂĽhlen.</para><para>Wie war sie fĂĽr ihn, die Vormittagsprobe? Gut, sagt Luis Goodwin, er sei zufrieden. Klar, seinen Text muss er an einigen Stellen noch besser lernen. Ach ja, und das Digitale, aber daran gewĂ¶hne man sich. Einen Vorteil gebe es schlieĂźlich auch: â€žDie ganze Welt kann uns dann im Internet sehen.â€ś Und der Kollege, der sich schwertut mit dem Sprechen? â€žDas stĂ¶rt hier niemandenâ€ś, sagt Luis Goodwin.</para><para/><para><emphasis role="strong">17. September, nachmittags, eine Wohnung in MĂĽnchen, Stadtteil Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt - Der Regisseur</emphasis></para><para>Jan Meyer hat keine schwarze Wand in seinem Arbeitszimmer. Als Regisseur braucht er die nicht. Stattdessen viel Technik: zwei Bildschirme, zwei Tastaturen, hĂĽfthohe Lautsprecher, KopfhĂ¶rer, Mikrofone. Im BĂĽcherregal stehen Reclam-Hefte, Goethes Werke und das Kapital von Karl Marx. Jan Meyer trĂ¤gt ein T-Shirt des Theaterkollektivs Girl to Guerilla und Hausschuhe aus PlĂĽsch mit einem Knollennasen-Opa, dazu Socken, auf denen Badewannenenten mit NikolausmĂĽtzen schwimmen.</para><para>Nach Stationen in SaarbrĂĽcken, Bern, Potsdam und Berlin ist er seit fĂĽnf Jahren KĂĽnstlerischer Leiter der Freien BĂĽhne MĂĽnchen. â€žHier, in diesem Ensemble, passiert dauernd etwas Neuesâ€ś, sagt Jan Meyer. Man mĂĽsse die ganze Zeit hellwach sein, immer in Bewegung bleiben. Menschen mit Behinderung seien in anderen LebensrealitĂ¤ten zu Hause. â€žIhre Impulse, etwas zu spielen, zu interpretieren, sind unbekannter, unerwarteter. FĂĽr mich ist das ein groĂźer persĂ¶nlicher Mehrwert.â€ś Das langweiligste StĂĽck sei das, wo man schon vorher wisse, was am Ende passiert. Mit diesen Schauspielern kĂ¤me er in Bereiche, die ihm sonst nicht zugĂ¤nglich wĂ¤ren. Jan Meyer sagt Schauspieler-innen, mit kurzer Pause zwischen Schauspieler und -innen. Menschen mit Behinderung mĂĽssten reprĂ¤sentiert sein, auch in der Kunst. â€žIch will diese Leute auf der BĂĽhne sehen, im Fernsehen, im Kino. Ich will diese Meinungen, diese Haltungen, diese Phantasien reprĂ¤sentiert sehen.â€ś</para><title ezxhtml:level="2">Das Stottern ist okay</title><para>WĂ¤hrend er erzĂ¤hlt, tippt er auf einer der Tastaturen, klickt hin und her zwischen den Bildschirmen, schaut auf das brummende Handy. Gleich geht es weiter mit der Nachmittagsprobe, mit dem ersten Bild im zweiten Akt. Die elf Kacheln auf dem Bildschirm fĂĽllen sich nach und nach mit Gesichtern, zum Teil stumm, es sind noch nicht alle Mikros eingeschaltet. Einer der Schauspieler muss die schwarze Stellwand zurechtrĂĽcken. Das will nicht klappen, es rumpelt und hakt. â€žWenn du es einmal schaffst, eine Woche lang die Stellwand cool dazuhaben, von Anfang an, kriegst du ein Geschenkâ€ś, verspricht Jan Meyer.</para><para>Die BĂĽroszene wird geprobt, und einer der Schauspieler klemmt immer wieder fest, ist wie eingehakt zwischen Hauptsatz und Einschub. Wie BremsklĂ¶tze sind die WĂ¶rter. â€žGleich hast du esâ€ś, ruft Jan Meyer, â€žich glaube an dich!â€ś Auf einmal klappt es einigermaĂźen.</para><para>Bei einer Zigarettenpause drauĂźen auf dem Balkon in der Septembersonne sagt Jan Meyer, dass die Behinderung halt da sei, man mĂĽsse damit umgehen. â€žIch sage dann: Es ist okay, wenn du stotterst. Du kannst nichts dafĂĽr, du bist trotzdem KĂĽnstler-in.â€ś</para><para>Leichter wĂ¤re es mit echten Proben. Wenn er kĂ¶rperliche Impulse geben kĂ¶nnte, nĂ¤her dran sein kĂ¶nnte an seinen Leuten. Auf dem Bildschirm ist es schwierig mit dem Interagieren. Andererseits biete die digitale Produktion auch Chancen: filmisches Material mit hineinzunehmen, technisch vĂ¶llig neue Wege zu gehen. Wenn die Zuschauerinnen und Zuschauer am 9. Oktober die Premiere des StĂĽckes als Livestream sehen, werden sich die Kacheln aufgelĂ¶st haben. Sie werden ein digitales BĂĽhnenbild sehen, in das die Schauspielerinnen und Schauspieler live hineinmontiert werden. â€žCoole Herausforderungâ€ś, sagt Jan Meyer.</para><para/><para><link xlink:href="ezlocation://40585" xlink:show="none">Interview mit FBM-MitgrĂĽnderin Angelica Fell</link></para></section>
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